Seuchen-Geschichte – ein Gedicht aus 1918

Mir lässt ein Artikel aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 14.12.2020 irgendwie keine Ruhe. Es geht um ein Gedicht aus der Schweiz während der Spanischen Grippe vor 100 Jahren. Es ist wirklich erstaunlich wie dieses Gedicht 1:1 auf heute übertragen werden kann.

Hier ein Auszug. Das komplette Gedicht im Original ist im Artikel zu sehen.

Es schrie das Volk in seiner Not
laut auf zu den Behörden:
„Was wartet Ihr? Schützt uns vorm Tod —
Was soll aus uns noch werden?“

Ihr habt die Macht und auch die Pflicht —
Nun zeiget Eure Größe
Wir raten Euch: Jetzt drückt euch nicht
Zu was seid Ihr sonst nütze?

’s ist ein Skandal wie man es treibt,
Wo bleiben die Verbote —
Man singt und tanzt, juheit und kneipt,
Gibts nicht genug schon Tote?



Die Grippe duckt sich tief und scheu
und wollte fast verschwinden —
Da johlte schon das Volk aufs Neu‘
aus hunderttausend Münden:

„Regierung, He! Bist du verrückt —
was soll das alles heißen?
Was soll der Krimskrams, der uns drückt,
Ihr weisesten der weisen?



Das war es nicht, was wir gewollt,
gebt frei das Tanzen, Saufen.
Sonst kommt das Volk — hört, wie es grollt,
stadtwärts in hellen Haufen.



Die Grippe, die am letzten Loch
schon pfiff, sie blinzelt leise
Und spricht: „Na endlich — also doch!“
und lacht auf häm‘sche Weise

„Ja ja — sie bleibt doch immer gleich
Die alte Menschensippe!“
Sie reckt empor sich hoch und bleich
Und schärft aufs Neu’ die Hippe.

Kommt mir alles sehr bekannt vor aus diesem Jahr der Corona Pandemie…

Passend dazu gab es im November ein tolles Interview mit einem Medizinhistoriker in der ZEIT. Ein Zitat das mir daraus im Gedächtnis geblieben ist:

Diejenigen, die nicht die Geschichte studieren, sind verdammt dazu, sie zu wiederholen. Aber jene, die die Geschichte tatsächlich studieren, sind verdammt dazu, hilflos zuzuschauen, wie sie andere wiederholen.

Ich glaube wir haben in manchen Dingen während den letzten 100 Jahren wirklich nichts dazugelernt.